WM 2011 DEUTSCHE MANNSCHAFT
Ulrike Ballweg: Ein Porträt
Aus dem Schatten
03.06.2011 | Text: Johanna Behre
Silvia Neid ist selbst bei Menschen bekannt, die sich nicht mit dem Frauenfußball auskennen. Doch wer ist eigentlich die Frau mit der merkwürdigen Frisur hinter der Bundestrainerin?
Vorne kurz, hinten lang. André Agassi, Chuck Norris, Patrick Swayze und Mike Werner trugen ihn, den Vokuhila. Ulrike Ballweg, Co-Trainerin der Nationalmannschaft, trägt ihn immer noch. In Anbetracht ihrer Laufbahn werden Äußerlichkeiten jedoch rasch zur Nebensache. Schnell wird klar: Die Frau ist gut. Nur meistens: eher im Hintergrund.
So kurz diese eine Szene aus dem Film »Die besten Frauen der Welt« auch ist, sie lässt tief blicken. Zu sehen ist die Weiterfahrt der Nationalmannschaft nach Hangzhou. Einen Tag nach dem torlosen Unentschieden gegen England bei der WM 2007 in China. Während die Spielerinnen lesen, Musik hören oder schlafen, sitzt ganz vorne im Bus Bundestrainerin Silvia Neid. Neben ihr, mit Laptop auf dem Schoß: Co-Trainerin Ulrike Ballweg. Sie besprechen den nächsten Gruppengegner Japan. Ballweg analysiert, Neid hört zu. Man tauscht sich aus.
An dieser Stelle – spätestens an dieser Stelle – drängt sich der Vergleich auf: Silvia Neid und Ulrike Ballweg, das ist wie Jürgen Klinsmann und Jogi Löw bzw. wie Jogi Löw und Hansi Flick. Neid, die Impulsive und Direkte, Ballweg, die Ruhige, Diplomatische mit dem Auge fürs Detail – was sich übrigens auch astrologisch herleiten lässt. Mit ihrem Geburtstag Mitte September ist sie im Sternzeichen Jungfrau geboren. Diese – so sagt man – seien bodenständig, ordnungsliebend und hätten eine außergewöhnliche Beobachtungsgabe. Aber genug des Heranziehens von vermeintlichen Argumenten.
Ulrike Ballweg wurde 1965 in Hainstadt geboren. Das ist ein kleiner, beschaulicher Ort im Neckar-Odenwaldkreis, auf halber Strecke zwischen Heidelberg und Würzburg, direkt an der Bundesstraße 27 gelegen. Der Wallfahrtsort Walldürn: nur ein Nachmittagsspaziergang entfernt. Auf der Homepage der Gemeine Buchen, zu der Hainstadt seit 1974 gehört, wird darauf hingewiesen, dass dort ein DSL-Anschluss nicht überall uneingeschränkt verfügbar sei. Die Heimat Ulrike Ballwegs ist baden-württembergische Provinz. Als Ballweg in den 1970er Gefallen am Fußballspiel findet, flimmert gerade Raumschiff Enterprise zum ersten Mal über die deutschen Fernsehschirme. Internet ist weit entfernte Zukunftsmusik. Erst recht im Zweitausendseelendorf Buchen-Hainstadt.
In der ländlichen Abgeschiedenheit des Odenwalds entwickelt sich Ulrike Ballweg beim SV Schlierstadt, dem späteren SV Klinge Seckach, zur Mittelfeldstrategin, macht schon mit 17 ihren Trainerschein. Immer mit von der Partie: die junge Silvia Neid. Sie kommt aus dem nur ein paar Kilometer weiter nördlich liegenden Städtchen Walldürn. Und so laufen sich die beiden auf dem Fußballplatz des SV Klinge Seckach wohl zum ersten Mal über den Weg. Dieser gemeinsame Weg endet erst einige Jahre später, als Neid 1983 nach Gladbach wechselt.
Denn: Ballweg bleibt. In den Jahren 1990 bis 1998 arbeitet sie als Auswahltrainerin beim Badischen Fußballverband. Gleichzeitig ist sie als Spielertrainerin für den SC Klinge Seckach aktiv, wo sie mit den Nationalmannschaftskolleginnen Petra Bartelmann und Renate Lingor zusammenspielt und 1996 sogar in das DFB-Pokalfinale einzieht. Der SV Klinge Seckach spielt vor 40.000 Zuschauern im ausverkauften Olympiastadion gegen den FSV Frankfurt. Die Begegnung geht 1:2 verloren, mit dem Verein nach acht Jahren in der Bundesliga bergab.
Ballweg orientiert sich neu und bleibt ihrem Sport trotzdem treu. Sie absolviert Praktika und Trainerfortbildungen – unter anderem bei Ajax Amsterdam und dem Karlsruher SC, der zu dieser Zeit von Winnie Schäfer trainiert wird. 1998 dann der Umzug in den hohen Norden. Zusätzlich zu ihrer Stelle als Verbandssportlehrerin beim Hamburger Fußballverband ist sie von 2002 bis 2005 als Assistenztrainerin der U19-Frauen tätig: Mit dem Team holt sie 2004 zunächst den Vize-Europameistertitel in Finnland und gewinnt noch im selben Jahr die Weltmeisterschaft in Thailand.
Als Tina Theune 2005 das Amt der Bundestrainerin abgibt, trifft DFB-Präsident Theo Zwanziger nach eigenen Aussagen »die beste Entscheidung« seiner Karriere und macht Silvia Neid zu Theunes Nachfolgerin. Und Neid – frühere Mannschaftskollegin von Ballweg beim SV Schlierstadt – will die erfahrene 40jährige Trainerin mit ins Boot holen. Ballweg sagt zu.
Heute werden die Trainingspläne für die Nationalmannschaft gemeinsam erstellt, die Bundesligaspielbesuche aufgeteilt. Neid sieht die Begegnungen im Süden, Ballweg die im Norden. Telefoniert wird täglich. Man kennt und versteht sich: »Wir schwimmen auf einer Wellenlänge, haben dieselben Gedanken – das passt.«
Das einst von Tina Theune eingeführte und von Neid übernommene 4-2-3-1-Spielsystem entspricht Ballwegs Spielphilosophie: nach vorne denken, nach vorne spielen. 2007 gewinnt die Nationalmannschaft mit dem Trainerinnengespann den WM-Titel, bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking die Bronze-Medaille und ein Jahr später die Europameisterschaft in Finnland. Und wie das passt. Meistens jedenfalls.
In Aufstellungsfragen gehen die Meinungen dann doch mal auseinander. Wenn auch nur kurz. Das gestand Ulrike Ballweg in einem Interview. Im Zweifelsfall hat Silvia Neid das letzte Wort. »Silvia ist der Chef.« Die Aufgabenverteilung ist also klar. Das Ziel für den Sommer 2011 auch. »Wir wissen, dass viele von uns den Weltmeistertitel erwarten. Wir werden uns bestens vorbereiten und alles dafür tun.« Und das glaubt man ihr sofort: Ulrike Ballweg.