WM 2011 DEUTSCHE MANNSCHAFT

Carina und Ursula Holl über die Zeit vor der WM   

»Ich sitze auf der Tribüne und kann nur mitleiden«

09.06.2011 | Text: Alex Raack

Ursula Holl, die Nummer 2 im deutschen Tor, heiratete letztes Jahr ihre Partnerin. Im Interview erzählen die beiden, wie der Leistungssport ihre Beziehung strapaziert, und wie es ist, vor einen Karren gespannt zu werden.
Carina Holl, Sie sind die Ehefrau der Nationaltorhüterin Ursula Holl – wie ist die Stimmung zu Hause, wenn Ihre Frau einen schlechten Tag, ein schlechtes Spiel hatte?

Carina Holl: Die Ursula ist dann erstmal sehr ruhig. Wenn sie nach einer halben Stunde noch immer nichts gesagt hat, weiß ich, dass sie keinen guten Tag hatte. 

Wie reagieren Sie dann?

Carina Holl: Ich lasse ihr die Zeit, die sie braucht und bohre ganz vorsichtig nach. Irgendwann fängt sie an zu erzählen.

Ursula Holl: Gerade jetzt, wo ich die meisten Tage in irgendwelchen Sportschulen verbringe und rund um die Uhr nur an die Weltmeisterschaft denke, braucht es seine Zeit, bis ich zu Hause wieder den Schalter im Kopf umgelegt habe. Da sitzt dann eine Frau und sagt: Hallo, jetzt bin ich aber mal dran! Und ich will für sie da sein. Aber das geht nicht so schnell.

Carina Holl: Ursula befindet sich dann immer in einer Art Vakuum...

Ursula Holl: Du kannst ruhig sagen, wie du das zu Hause immer nennst!

Carina Holl: Betreutes Wohnen mit Animationsprogramm (lacht). Das trifft es wohl am ehesten.



Noch nie war die öffentliche Aufmerksamkeit für die deutsche Frauen-Nationalmannschaft so groß, wie jetzt. Spüren Sie das?

Ursula Holl: Natürlich! Das erste Mal in meinem Leben brauche ich einen Terminkalender. Sonst wäre das alles nicht zu bewältigen. Bei uns im Flur hängt also dieser Kalender und alles ist eingetragen: Vorbereitungsspiele, Trainingseinheiten, Werbetermine und als letzter Eintrag das erste Spiel der WM.

Carina Holl: Die Frau von DFB-Teampsychologe Arno Schimpf hat mal ausgerechnet, wie lange wir unsere Partner vom Beginn der WM-Vorbereitung bis zum letzten Turniertag noch sehen. Sie kam auf 23 Tage. Das Privatleben bleibt in diesen Monaten also ziemlich auf der Strecke.

Sie, Ursula, sind zudem seit Monaten verletzt gewesen. Wie sehr beschäftigt die Verletzung Ihre Beziehung?

Ursula Holl: Die Becken-Verletzung war das Thema des vergangenen halben Jahres. Zunächst machte ich mir keine großen Gedanken, aber als im Frühjahr 2011 noch immer keine deutliche Besserung eingetreten war, wurde es stressig. Jetzt, kurz vor der WM, scheint alles überstanden zu sein. Aber die Monate der Ungewissheit, der Reha, der ständigen Trainingspause haben mich sehr viel emotionale Energie gekostet.

Sie sind hinter Nadine Angerer die Nummer zwei in der Torhüter-Rangfolge der Nationalmannschaft. Wie motivieren Sie sich zur WM trotzdem topfit zu sein, obwohl Sie wahrscheinlich kein Spiel machen werden?

Ursula Holl: Zunächst einmal ist mit bewusst, dass Natze (Angerers Spitzname, d. Red.) die Nummer eins ist. Das habe ich akzeptiert und nur deshalb bin ich in der Lage vernünftig zu trainieren. Ohne diese gesunde Portion Realitätssinn, würde ich in der Nationalmannschaft sehr schnell auf den Hintern fallen. Aber im Leben einer Ersatztorhüterin geht es vor allem darum, dabei zu sein, Teil dieser Mannschaft zu sein, die die WM im eigenen Land bestreitet. Ich will immer beweisen, dass ich mehr als eine Alternative bin. Das ist mein Antrieb.

Damit können Sie leben?

Ursula Holl: Ich wäre lieber in der Startelf, das ist doch klar. Aber ich bin dabei, ich wurde im Herbst 2010 mit einem Einsatz in der Nationalmannschaft für meine harte Arbeit belohnt. Das ist ein gutes Gefühl.

Im Männerfußball galt es jahrzehntelang als eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass sich die Torwartkonkurrenten bis aufs Blut bekriegen. Wie ist das bei Ihnen?

Ursula Holl: Ich habe ein gutes Verhältnis zu Natze. Erst neulich habe ich ihr neue Schraubstollen von meinem Ausrüster bestellt, weil sie keine mehr hatte. Ich finde, dass es sich deutlich angenehmer trainiert, wenn man kein Messer im Rücken spürt.Carina, Sie arbeiten im Reha- und Präventionsbereich und haben häufig mit verletzten Sportlern zu tun – achten Sie darauf, dass Ihre verletzte Ehefrau auch ja die Reha-Übungen korrekt ausführt?

Carina Holl: Es ist verdammt schwierig, sich dabei zurückzunehmen. Das ist schließlich mein Job und ich will ja auch, dass meine Frau schnell wieder gesund wird. Aber wenn ich dann bemängele, dass Ursula eine Übung falsch macht, bekomme ich gleich einen bösen Blick. Das mag sie gar nicht.

Ursula Holl: Und wenn ich die Übung falsch mache – da soll sie mich bloß in Ruhe lassen.

Und das, obwohl Sie sich einst beruflich kennenlernten...

Carina Holl: Ich führte damals gemeinsam mit der Sporthochschule Köln und der Uni Frankfurt eine Studie zur Sprintverbesserung beim 1. FFC Frankfurt durch. Dort stand Ursula im Tor.

War es denn Liebe auf den ersten Blick?

Ursula Holl: Wie verliebt man sich? Wann verliebt man sich? Das ist doch bei jedem Menschen unterschiedlich. 

Anders gefragt: Wann waren Sie ein Paar?

Carina Holl: Am Ende der drei Monate. Studie erfolgreich abgeschlossen (lacht).